Jüdisches Leben in der Stadt Unna existierte bereits seit dem 11. Jahrhundert. Seit 1885 gab es in Unna eine eigene Synagogengemeinde. Im November 1938 wurde – wie in ganz Deutschland - auch diese Synagoge angezündet. 1942 dann galt die Stadt als „judenfrei“. Auch die letzten Bewohner des in der Stadt ansässigen “Israelitischen Altenheims“ von Westfalen waren deportiert. Auf Grund der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gab es in Unna – und auch lange Jahre danach - kein jüdisches Leben mehr.

Erst nach 70 Jahren erlebte die Hellwegregion wieder eine Shabbat-Feier.

In den ersten Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion kamen sogenannte „Kontingentflüchtlinge“ nach Deutschland und schlossen sich den ehemals kleinen, überalterten jüdischen Einheitsgemeinden an. Diese Juden wurden in ihrer Heimat diskriminiert und durften zwei Generationen lang ihre Religion und Traditionen nicht erlernen und ausüben.

Am 13. Mai 2007 fand in dem ehemaligen „Israelitischen Altenheim“ für Westfalen, dem heutigen Altenheim St. Bonifatius, Mühlenstraße 7, eine Vollversammlung der Juden des Kreises Unna statt. Hier wurde beschlossen, eine liberale jüdische Gemeinde für den Kreis Unna zu gründen.

In Erinnerung an den Holocaust verbindet jüdische Menschen ein gemeinsames Anliegen: Sie möchten jüdisches Leben in Deutschland wieder auf - und ausbauen. Es geht ihnen darum, bestehende jüdische Religionsgemeinschaften langfristig in ihrer Bestandskraft und Lebendigkeit zu stärken.

Wir haben uns sehr bewusst entschieden, das Judentum zu erlernen, zu leben und zu lehren, dass die jüdische Tradition mit den Erkenntnissen und Erfahrungen der Moderne verbindet. Damit wird die durch den Holocaust unterbrochene Tradition des liberalen Judentums in Deutschland fortgesetzt.

Wir verstehen uns als Nachfolgende der jahrhundertealten jüdischen Tradition in Unna. Es ist uns ein Herzensanliegen und Verpflichtung zugleich, die zerstörte Kontinuität jüdischen Lebens in unserer Region wiederherzustellen.

Gegenwärtig zählt unsere Gemeinde schon 80 Mitglieder und ist Mitglied der Union Progressiver Juden in Deutschland und des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Nordrhein – Westfalen.

Seit Mai 2007 engagiert sich die Jüdische Gemeinde „haKochaw“ auch im kulturellen Leben des Kreises Unna.

Im Jahre 2008 wurde mit Beteiligung des Landtagsabgeordneten Herrn Wolfram Kuschke, des Landrates des Kreises Unna, Herrn Michael Makiolla, sowie des Bürgermeisters der Stadt Unna, Herrn Werner Kolter, der Freundeskreis der jüdischen Gemeinde gegründet.

Seit 2010 mietet die Gemeinde das ehemalige Gebäude des Bodelschwinghhauses in Unna-Massen. Mit dem Erwerb und feierlichem Einzug einer eigenen Sefer Thora (Thora – Rolle) im Jahre 2012 erreichten wir einen besonderen Abschnitt der Vollständigkeit: Dank der Unterstützung der Landesregierung NRW sowie vieler Bürgerinnen und Bürger Unnas wurde der bisherige Betsaal im Gemeindezentrum dadurch zur einer Synagoge.

Vertreter von Parteien und Schulen, Kirchen und Vereinen, der Stadt- und Kreisverwaltung, sowie vieler interessierter Bürger und offizieller Gäste nahmen und nehmen Anteil am religiösen und kulturellen Geschehen. Das zeigt, dass die jüdische Gemeinde Unna inzwischen fest verankert ist.

In Unna und Fröndenberg unterstützt die Gemeinde die örtliche Initiative „Stolpersteine“ und nimmt aktiv an Stadtveranstaltungen zur Erinnerung an Kriegsopfer und Pogromnacht – Gedenken teil.

Kultur, Zivilcourage und gesellschaftliches Engagement versteht die Gemeinde als die wichtigsten Instrumente ihrer Integrationsarbeit.

Die intensive Vernetzung mit den Institutionen des Kreises Unna ist ein wichtiger Teil unserer Aktivitäten.

Seit Jahren unterstützt die Gemeinde die Aktionen des Integrationsrates der Kreisstadt Unna. Wir beteiligen uns an den interkulturellen Tagen „bUNt“ in Unna, an Frauenfesten und Friedensgebeten. Die Teilnahme an interreligiösen Dialogen des Kreises Unna schafft Annäherung und baut gegenseitiges Verständnis aus. Das ist ein wesentliches Anliegen auf unserem Weg.

Mit dem offenen Zugehen auf Menschen, durch Veranstaltungen und Einladungen in unserer Synagoge, verstehen wir uns als „Brückenbauer“ zwischen Religionen und Kulturen. Konzerte jüdischer Musik und Einblicke in die jüdische Kultur bereichern die vorhandene religiöse und kulturelle Landschaft der Region.

An dieser Stelle danken wir ausdrücklich dem Zentralrat der Juden in Deutschland

für die freundliche Unterstützung.

Die Gemeinde nimmt aktiv an einigen „Interreligiösen Dialogen“ teil:

  • Interreligiöse Frauengruppe der Stadt Unna. Treffen im Rahmen des Interreligiösen und Interkulturellen Dialogs mit den muslimischen und christlichen Frauen.

  • Interreligiöser Dialog in Bönen und Werl.

  • Interreligiöse Frauengruppe des Kreises Unna.

Folgende Projekte wurden durchgeführt:

  • 2009 „Du gehst mich an“­- ein Gemeinschaftsprojekt in Kooperation mit dem Ev. Kirchenkreis Unna

  • 2010 „Zeitzeugen – Projekt“ mit der Holocaustüberlebenden Frau Kretz und den Schülern der Hellweg – Realschule, der Anne – Frank – Realschule, des Geschwister – Scholl – Gymnasiums und der Peter – Weiss – Gesamtschule. Es wurde organisiert und durchgeführt in Kooperation mit dem Maximilian – Kolbe – Werk und dem „Stern“ – jüdischen kulturell – integrativem Verein.

  • Seit 2013 das Projekt „Kavod – Respekt“ – unterstützt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ziel dieses Projektes ist die Stärkung der gegenseitigen Anerkennung, die sich in kulturellen Veranstaltungen sowie Netzwerkarbeit darstellt.

Unser wesentliches Anliegen ist eine engagierte Beteiligung an einem friedlichen Miteinander unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Auch der Besuch in unserem Gemeindezentrum von Bürgergruppen unterschiedlichster Art trägt dazu bei und ermöglicht Einblicke in die jüdische Tradition und Kultur.

Das Geschwister- Scholl- Gymnasium Unna lud Vertreter der Gemeinde „haKochaw“ am 18. Februar 2013 zur feierlichen Verleihung des Zertifikates „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ ein. Als Schirmherrin wählten die Schülerinnen und Schüler unsere Vorsitzende Alexandra Khariakova. Die Gemeindemitglieder empfanden dies als große Anerkennung ihrer Arbeit!

Die von Januar bis März 2013 erfolgreich durchgeführte „Biennale 2013 - Musik & Kultur der Synagoge“ bestand aus mehreren Veranstaltungen unserer Gemeinde in Kooperation mit dem Ev. Forum Westfalen, Bochum, dem Evangelischen Kirchenkreis Unna und der VHS Selm. Hierbei wurde deutlich, welch großer Bedarf und reges Interesse an diesem Themenbereich besteht.

Wir erachten es als wichtig, den Blick auf das Leben und die Kultur der Juden nicht nur auf die tragische Holocaust - Vergangenheit zu begrenzen, sondern den Menschen die vergangenen und gegenwärtigen Schätze jüdischer Musik und Kultur zugänglich zu machen. Hierbei gilt es, gemeinsame ethische Werte neu zu entdecken. Dazu gehört zweifellos auch das Integrationspotential und die Kultur der russischsprachigen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die heutzutage die Mehrheit der jüdischen Gemeinden in Deutschland bilden.

Wir sind davon überzeugt, dass die Dialogbereitschaft zwischen den Weltreligionen und unterschiedlichen Kulturen eine dringliche Zukunftsaufgabe ist.